Der Kronenknecht
Handgefertigter Flaschenöffner aus Hartholz
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ES GIBT BÄUME, DIE WACHSEN DORT, WO MAN SIE ERWARTET.
UND DANN GIBT ES DEN ARBOR MAGNETICA.
Es gibt Bäume, die wachsen dort, wo man sie erwartet: in Wäldern, auf Wiesen, an Berghängen oder gelegentlich genau dort, wo später eine Terrasse gebaut werden soll.
Und dann gibt es den Arbor Magnetica.
Der Magnetbaum gehört zu jenen Gewächsen, über die in botanischen Lehrbüchern auffallend wenig zu finden ist.
Manche behaupten, das liege daran, dass er außerordentlich selten sei.
Andere vermuten, sämtliche Aufzeichnungen über ihn würden von einer verschwiegenen Gemeinschaft alter Waldläufer unter Verschluss gehalten.
Wieder andere sagen, der Baum selbst habe etwas dagegen, katalogisiert zu werden.
Fest steht nur: Wer einen Arbor Magnetica sucht, wird ihn kaum finden.
Wer ihn nicht sucht, könnte mit etwas Glück unmittelbar vor ihm stehen – und ihn dennoch für einen besonders eigenwilligen Hartholzbaum halten.
Denn der Magnetbaum zeigt sich nur denen, von denen er gefunden werden will.
Nach den wenigen erhaltenen Aufzeichnungen sind bislang zwei Arten bekannt:
Arbor magnetis borealis
Baum des nördlichen Magneten
und
Arbor magnetis australis
Baum des südlichen Magneten
Äußerlich sind beide kaum voneinander zu unterscheiden. Ihre Kronen sind mächtig, ihre Stämme von ungewöhnlichen Maserungen durchzogen und ihre Wurzeln tiefer, als es für einen vernünftigen Baum eigentlich nötig wäre.
Die sicherste Methode zur Bestimmung soll ein Kompass sein.
Beim Arbor magnetis borealis richtet sich dessen Nadel angeblich nach Norden aus, beim Arbor magnetis australis nach Süden.
Leider beginnt der Kompass in unmittelbarer Nähe eines ausgewachsenen Exemplars häufig, sich im Kreis zu drehen.
Die Wissenschaft nennt das eine Störung. Die Arborealen Chroniken nennen es eine Antwort.
Jeder Magnet besitzt zwei Pole: einen Nordpol und einen Südpol.
Auch unsere Erde verfügt über genau diese beiden Pole.
Das kann kein Zufall sein – zumindest nicht nach Auffassung jener Gelehrten, die ihre wichtigsten Erkenntnisse bevorzugt auf vergilbtem Pergament festhielten.
Der alten Überlieferung zufolge nimmt die magnetische Kraft zu, je tiefer man sich dem Erdmittelpunkt nähert.
Dort, im verborgenen Herzen unseres Planeten, sollen gewaltige Ströme wirken, die Nord- und Südhalbkugel zuverlässig miteinander verbinden. Ohne diese Kraft, so heißt es, würde die Erde vermutlich in zwei Hälften auseinanderfallen.
Dass dies bislang nicht geschehen ist, darf durchaus als erfreulich betrachtet werden.
Der Arbor Magnetica besitzt die seltene Fähigkeit, diese tief verborgenen Kräfte aufzuspüren und für sich zu nutzen.
Wie genau er das tut, ist nicht abschließend geklärt.
Befragte Exemplare verweigerten bislang jede Auskunft.
Während sich gewöhnliche Bäume mit dem Erdreich unmittelbar unter ihren Wurzeln zufriedengeben, verfolgt der Arbor Magnetica größere Pläne.
Aus seinem Stamm wächst eine mächtige Pfahlwurzel nahezu senkrecht in die Tiefe.
Sie durchdringt Erde, Lehm, Gestein und vermutlich mehrere geologische Schichten, deren Namen selbst Fachleute nur mit ausreichend Vorbereitung aussprechen können.
Diese Pfahlwurzel dient nicht allein der Verankerung. Sie ist ein Suchorgan.
Langsam und unbeirrbar tastet sie sich durch das Erdreich, immer auf der Suche nach einer der sagenumwobenen Magnetadern.
Dabei kann sie über viele Jahre hinweg wachsen, ohne auch nur einen Hauch magnetischer Kraft zu finden.
Der Arbor Magnetica gilt deshalb als geduldig.
Sehr geduldig.
Manche Quellen sprechen sogar von einer Geduld, die bereits an Sturheit grenzt.
Sobald die Pfahlwurzel eine Magnetader berührt, verändert sich das Wachstum des Baumes.
Statt weiter in die Tiefe vorzudringen, bildet er zahlreiche kräftige Flachwurzeln, die sich weit in die Horizontale ausbreiten. Sie legen sich wie ein fein verzweigtes Netz über die Magnetader und folgen ihrem geheimen Verlauf durch das Gestein.
Je breiter dieses Wurzelwerk wird, desto mehr magnetische Kraft kann der Baum aufnehmen.
Diese Verbindung ist so fest, dass einige alte Waldkundige behaupteten, nicht die Wurzeln würden die Magnetader festhalten – sondern die Magnetader den Baum.
Welche Erklärung richtig ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Für eine Untersuchung hätte man den Baum ausgraben müssen, und die wenigen Forscher, die diesen Vorschlag machten, wurden angeblich nie wieder zu den Waldläufertreffen eingeladen.
Die aufgenommene Kraft steigt aus der Magnetader durch die Pfahlwurzel empor. Von dort fließt sie durch den Stamm und verteilt sich bis in die feinsten Äste.
Doch die eigentliche Besonderheit des Arbor Magnetica liegt nicht in seiner Rinde und auch nicht in seinem äußeren Holz.
Sie liegt tief in seinem Inneren. Nur der Kern des Magnetbaumes ist magnetisch.
Das Außenholz bleibt vollkommen unauffällig. Es lässt sich betrachten, berühren und bearbeiten wie gewöhnliches Hartholz.
Es gibt keinen sichtbaren Hinweis auf die verborgene Kraft im Inneren.
Erst dort, wo der Kern verläuft, zeigt sich die geheimnisvolle Anziehung.
Warum der magnetische Strom ausschließlich im Kern bleibt, ist unbekannt.
Möglicherweise dient das Außenholz als natürliche Abschirmung.
Vielleicht schützt der Baum damit seine Umgebung.
Oder er hält es schlicht für klüger, seine besonderen Fähigkeiten nicht jedem sofort auf die Nase zu binden.
Der Arbor Magnetica gilt als zurückhaltend.
Man könnte auch sagen: geheimniskrämerisch.
Ebenso rätselhaft wie sein magnetischer Kern ist das Holz des Baumes.
Die Maserung eines Arbor Magnetica scheint aus den unterschiedlichsten Harthölzern der Erde zusammengesetzt zu sein.
An einer Stelle erinnert sie an kräftige Eiche, wenige Zentimeter weiter an hellen Ahorn.
Andere Bereiche gleichen Esche, Buche, Nussbaum, Kirsche oder einer Holzart, die bislang noch keinen Namen erhalten hat.
Manche Betrachter sind überzeugt, stets genau jenes Holz zu erkennen, das sie persönlich am schönsten finden.
Andere sehen bei jedem Blick etwas Neues.
Eine alte Theorie besagt, dass die Flachwurzeln nicht nur magnetische Energie aus der Erde aufnehmen.
Auf ihrem Weg entlang der Magnetadern sollen sie auch Spuren der Harthölzer sammeln, die irgendwo auf der Welt mit derselben Ader verbunden sind.
So könnte sich im Arbor Magnetica das Holz vieler Wälder vereinen.
Ein anderer Forscher schrieb dazu lediglich:
„Entweder ist dieser Baum ein botanisches Wunder – oder er macht sich über uns lustig.“
Beides gilt bis heute als möglich.
Jeder Arbor Magnetica besitzt eine eigene Verbindung zur Tiefe.
Keine Magnetader verläuft exakt wie eine andere, kein Wurzelsystem folgt demselben Weg und kein Kern trägt die Kraft auf dieselbe Weise durch den Stamm.
Darum gleicht kein Magnetbaum dem nächsten.
Seine Farben, seine Maserung und selbst die Lage seines verborgenen Kerns sind einzigartig.
Was bei einem Exemplar an Eiche erinnert, kann beim nächsten wie Ahorn oder Esche wirken.
Manche zeigen deutliche Übergänge, andere scheinen sämtliche Holzarten ineinander verwoben zu haben.
Vielleicht trägt jeder dieser Bäume einen kleinen Teil der Erde in sich.
Vielleicht ist er einfach nur ausgesprochen eigenwillig.
Bei einem Arbor Magnetica lässt sich das nur schwer unterscheiden.
Wer glaubt, einen Magnetbaum entdeckt zu haben, sollte sich ihm ruhig und respektvoll nähern. Hektische Bewegungen, lautes Rufen und voreilige wissenschaftliche Erklärungen gelten als wenig erfolgversprechend.
Besonders alte Exemplare sollen die Angewohnheit besitzen, ihre magnetische Wirkung genau dann einzustellen, wenn jemand sie beweisen möchte.
Sobald alle Messgeräte wieder eingepackt sind, funktioniert sie angeblich einwandfrei.
Daher lautet die wichtigste überlieferte Regel:
Man findet den Arbor Magnetica nicht.
Er entscheidet, von wem er gefunden wird.
Und sollte dir eines Tages ein Stück außergewöhnlichen Hartholzes begegnen, dessen Kern eine unerklärliche Anziehung besitzt, gibt es dafür sicherlich eine ganz gewöhnliche, vernünftige Erklärung.
Nur hat sie bislang niemand gefunden.
Es heißt, der Arbor Magnetica lasse sich nicht suchen.
Man könne tagelang durch die Wälder streifen, jeden ungewöhnlichen Stamm untersuchen, jeden Kompass befragen und sogar besonders verdächtig aussehende Bäume höflich ansprechen – ohne ihm auch nur einen Schritt näherzukommen.
Denn der Arbor Magnetica erscheint nicht dort, wo man ihn vermutet.
Er erscheint dort, wo er jemanden vermutet.
Und wenn er einen Menschen gefunden hat, der ihm geeignet erscheint, kann es geschehen, dass er ihm wohlgesonnen ist. Woran der Baum diese Entscheidung festmacht, ist unbekannt. Vermutlich achtet er auf Geduld, Vorstellungskraft und einen gewissen Mangel an vernünftigen Einwänden.
Manchmal, so berichten die alten Arborealen Chroniken, schenkt er dem Auserwählten einige seiner kräftigeren Äste.
Wer einen solchen Ast annimmt, spürt zunächst nichts Ungewöhnliches. Das Holz liegt fest und schwer in der Hand. Seine Oberfläche zeigt die rätselhafte Maserung des Arbor Magnetica: hier ein Hauch von Eiche, dort eine Spur von Ahorn, vielleicht etwas Esche, Buche oder Nussbaum.
Dabei handelt es sich jedoch niemals nur um Holz. Doch schon nach wenigen Augenblicken beginnt etwas Merkwürdiges.
Im Kopf entstehen Bilder.
Nicht langsam und undeutlich, wie gewöhnliche Gedanken, sondern plötzlich und erstaunlich vollständig. Formen tauchen auf, Linien verbinden sich, verborgene Mechanismen werden sichtbar. Man sieht Gegenstände, die noch gar nicht existieren, aber offenbar schon sehr genau wissen, wie sie später aussehen möchten.
Alte Waldkundige nennen diesen Vorgang die Übertragung.
Weniger ehrfürchtige Menschen würden vermutlich sagen, der Baum gebe einem eine Aufgabe, ohne vorher zu fragen, ob man gerade Zeit dafür habe.
Das Geschenk ist deshalb zugleich ein Auftrag:
Was der Arbor Magnetica im Geist zeigt, soll mit den Händen Wirklichkeit werden.
Wer den Ast annimmt, nimmt auch die Bilder an.
Und wer die Bilder einmal gesehen hat, wird sie nur schwer wieder los.
Meine erste Begegnung mit dem Arbor Magnetica war nicht geplant.
Ich befand mich weder auf einer Expedition noch auf der Suche nach einer seltenen Baumart. Ich trug keine wissenschaftlichen Geräte bei mir, führte kein Forschungstagebuch und hatte nicht einmal eine besonders überzeugende Erklärung dafür, warum ich überhaupt dort war.
Ich ging völlig gedankenverloren durch den Wald.
Möglicherweise kann man auch sagen, dass ich mich verirrt hatte.
Aus meiner Sicht war es jedoch eher ein Spaziergang mit überraschend offenem Ausgang.
Je länger ich unterwegs war, desto stiller wurde es. Die üblichen Waldgeräusche schienen sich zurückzuziehen. Kein Wind bewegte die Äste. Kein Vogel machte einen Kommentar zu meiner Orientierungslosigkeit.
Dann stand er plötzlich vor mir.
Ein Baum, der auf den ersten Blick wirkte, als hätten sich sämtliche Harthölzer der Erde heimlich in einem einzigen Stamm versammelt. Seine Rinde zeigte unterschiedliche Farben und Strukturen. Die Äste waren mächtig, seine Krone weit ausgebreitet, und der Stamm wirkte zugleich uralt und vollkommen wach.
Ich kann nicht sagen, wie lange ich ihn betrachtete.
Vielleicht waren es Minuten.
Vielleicht etwas länger.
Zeit verhält sich in der Nähe eines Arbor Magnetica offenbar ebenso unzuverlässig wie ein Kompass.
Noch bevor ich den Baum berührte, erschien ein Wort in meinen Gedanken:
HolzHollo
Nicht wie eine Idee, über die man nachdenkt. Nicht wie ein Name, den man mühsam zusammensetzt.
Er war einfach da.
Klar, vollständig und mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte dieser Name schon sehr lange existiert und nur darauf gewartet, mir mitgeteilt zu werden.
Ich versuchte, ihn zu hinterfragen.
Der Baum beantwortete meine Fragen nicht.
Das muss nichts bedeuten. Bäume sind im Allgemeinen recht zurückhaltend, wenn es um Namensdiskussionen geht.
Doch je länger ich vor ihm stand, desto deutlicher wurde mir: HolzHollo war nicht nur ein Name. Er war der Anfang von etwas, das zu diesem Zeitpunkt noch keine Form besaß.
Dann schenkte mir der Baum seine ersten Bilder.
Vor meinem inneren Auge entstand ein außergewöhnlicher Flaschenöffner.
Ich sah Holz, das aus verschiedenen Harthölzern zusammengesetzt war. Ich sah eine ungewöhnliche Form, eine angenehme Haptik und einen verborgenen Kern, dessen Kraft von außen nicht sichtbar war.
Der Gegenstand wirkte vertraut und gleichzeitig vollkommen neu.
Er sollte nicht nur eine Flasche öffnen.
Er sollte neugierig machen.
Man sollte ihn in die Hand nehmen, betrachten und sich fragen, warum sich ein Kronkorken ausgerechnet an einer bestimmten Stelle festhielt. Man sollte den verborgenen Kern nicht sehen, sondern seine Wirkung entdecken.
Mit anderen Worten: Der Arbor Magnetica zeigte mir einen Gegenstand, der sein eigenes Geheimnis in sich tragen sollte.
Das Bild war so deutlich, dass ich kaum behaupten konnte, es nicht verstanden zu haben.
Der Baum hatte mir Holz gegeben.
Er hatte mir den Namen HolzHollo gegeben.
Und nun hatte er mir gezeigt, was daraus entstehen sollte.
Besonders viel Raum für Ausreden ließ er mir nicht.
So begann unser gemeinsamer Weg.
Aus den Bildern wurden erste Skizzen. Aus den Skizzen wurden Versuche. Aus den Versuchen entstanden Formen, die dem Bild in meinem Kopf immer näherkamen.
Nicht jeder Versuch gelang sofort.
Manche Werkstücke wollten offenbar lieber Brennholz werden. Andere entwickelten während der Bearbeitung eine ganz eigene Vorstellung davon, wie sie aussehen sollten.
Holz besitzt Charakter – und das Holz des Arbor Magnetica vermutlich etwas mehr davon als unbedingt notwendig.
Doch Stück für Stück nahm der erste außergewöhnliche Flaschenöffner Gestalt an.
Mit jedem Schnitt, jedem Schliff und jeder neuen Maserung schien sich die ursprüngliche Botschaft des Baumes weiter zu entfalten.
Dabei wurde mir langsam klar, dass der Flaschenöffner vermutlich nur das erste Bild gewesen war.
Der Arbor Magnetica denkt offenbar nicht in einzelnen Gegenständen.
Er denkt in Möglichkeiten.
Seit jener ersten Begegnung habe ich den Baum an dieser Stelle nie wieder gefunden.
Ich kehrte mehrfach zurück. Ich suchte zwischen den bekannten Wegen, hinter den Felsen und an den Stellen, an denen ich überzeugt war, ihn gesehen zu haben.
Doch der Wald sah jedes Mal anders aus.
Wo der Arbor Magnetica gestanden hatte, fand ich nur gewöhnliche Bäume. Keiner besaß seine ungewöhnliche Maserung. Keiner zeigte jene stille Kraft. Und keiner schien auch nur das geringste Interesse daran zu haben, mir weitere Äste zu überlassen.
Selbst der Weg dorthin ließ sich nicht zuverlässig wiederfinden.
Manchmal glaube ich, dass ich an der richtigen Stelle vorbeigekommen bin, ohne sie zu erkennen. Vielleicht verbirgt sich der Magnetbaum zwischen den anderen Bäumen, sobald er nicht entdeckt werden möchte.
Vielleicht war er nie an diesen Ort gebunden.
Oder vielleicht hatte er mir bereits gegeben, was ich für den Anfang brauchte.
Gefunden habe ich ihn seitdem nicht mehr.
Und dennoch ist er nicht verschwunden.
Seine Bilder tauchen noch immer auf – manchmal beim Betrachten eines besonderen Stückes Holz, manchmal mitten während der Arbeit und gelegentlich zu Uhrzeiten, zu denen vernünftige Ideen eigentlich schlafen sollten.
Dann entsteht plötzlich wieder eine Form im Kopf.
Ein Gegenstand.
Eine Verbindung aus Holz, Handwerk und einem kleinen Geheimnis, das sich nicht auf den ersten Blick erklären lässt.
Ob diese Bilder tatsächlich vom Arbor Magnetica stammen oder ob ein Teil seiner magnetischen Kraft in den geschenkten Ästen zurückgeblieben ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.
Vielleicht hat der Baum mir damals nur den ersten Gedanken übermittelt.
Vielleicht besteht sein eigentliches Geschenk darin, dass seitdem immer neue entstehen.
Doch eines weiß ich:
Ich habe den Arbor Magnetica nicht gefunden.
Er hat mich gefunden.
Und mit dem Namen HolzHollo begann ein Auftrag, dessen Ende bisher weder in den Arborealen Chroniken noch in meinem Kopf verzeichnet ist.
Nachdem der Arbor Magnetica mir den Namen HolzHollo und die ersten Bilder eines außergewöhnlichen Flaschenöffners in den Kopf gesetzt hatte, glaubte ich zunächst, der schwierigste Teil sei bereits geschafft.
Das war ein Irrtum.
Ein ausgesprochen optimistischer Irrtum.
Denn das Holz des Magnetbaumes lässt sich zwar sägen, schleifen und formen – es hält sich dabei jedoch nur sehr bedingt an die Regeln, die für gewöhnliches Holz gelten.
Beim Bau der ersten Flaschenöffner bemerkte ich etwas, das in keiner der überlieferten Aufzeichnungen erwähnt wurde.
Solange ein Ast ungeteilt vor mir lag, schien seine geheimnisvolle Kraft durch den gesamten Kern zu fließen. Metallische Gegenstände reagierten an beiden Enden, als würden sie von etwas Unsichtbarem im Inneren gerufen.
Doch sobald ich das Holz durchsägte, geschah etwas Merkwürdiges:
Eine der beiden Schnittflächen verlor ihre magnetische Kraft.
Die andere behielt sie.
Zunächst vermutete ich einen Fehler. Vielleicht hatte ich schief gesägt, das Holz falsch gehalten oder den Ast während des Schneidens auf irgendeine Weise beleidigt.
Also sägte ich ein weiteres Stück ab.
Wieder dasselbe.
Eine Seite zog Metall an.
Die andere tat so, als ginge sie das alles nichts an.
Nach mehreren Versuchen musste ich akzeptieren, dass dies kein Zufall war. Das Holz folgte offenbar einem eigenen Gesetz – einem Gesetz, das bislang weder in Lehrbüchern noch auf den Bedienungsanleitungen meiner Werkzeuge erwähnt wurde.
Alten Waldläufererzählungen zufolge fließt die Kraft des Arbor Magnetica immer in einer festen Richtung: von der Magnetader durch die Pfahlwurzel, hinauf durch den Stamm und weiter bis in die äußersten Äste.
Der Kern ist daher nicht einfach nur magnetisch.
Er besitzt eine Richtung.
Wird ein Ast vom Baum getrennt, bleibt dieser unsichtbare Strom zunächst in seinem Inneren erhalten. Das Holz erinnert sich gewissermaßen daran, wo unten und wo oben war – wo die Wurzel lag und wo die Krone begann.
Beim Sägen jedoch wird dieser Strom unterbrochen.
Eine Schnittfläche bewahrt die Verbindung zur ursprünglichen Flussrichtung. Sie trägt weiterhin einen Teil der Kraft in sich und bleibt empfänglich für Metall.
Die gegenüberliegende Fläche verliert diese Verbindung.
Sie wird still.
Oder, wie es in einer kaum lesbaren Randnotiz der Arborealen Chroniken heißt:
„Eine Seite erinnert sich.
Die andere wurde nur abgeschnitten.“
Welche Seite ihre Kraft behält, lässt sich mit bloßem Auge nicht erkennen. Maserung, Farbe und Geruch geben keinen verlässlichen Hinweis. Selbst besonders erfahrene Holzkenner können die aktive Seite nicht bestimmen, bevor sie geprüft wurde.
Das Holz verrät sein Geheimnis erst, wenn es selbst dazu bereit ist.
Für die Untersuchung erwies sich ein gewöhnlicher Kronkorken als überraschend zuverlässig.
Warum gerade Kronkorken so empfindlich auf den Kern des Arbor Magnetica reagieren, bleibt ungeklärt. Vielleicht liegt es an ihrer Form. Vielleicht an ihrem Metall.
Möglicherweise besitzen sie aufgrund ihrer langjährigen Nähe zu verschlossenen Flaschen ein besonders ausgeprägtes Gespür für Lösungen.
Hält man einen Kronkorken an die richtige Schnittfläche, wird er augenblicklich angezogen.
An der falschen Seite geschieht nichts.
Kein Zittern.
Kein Zögern.
Nicht einmal ein höfliches Interesse.
Der Kronkorken irrt sich dabei nie.
Menschen schon.
So entstand in meiner Werkstatt eine einfache, aber unverzichtbare Regel:
Erst prüfen. Dann weiterarbeiten.
Wer diese Reihenfolge missachtet, kann viele Stunden sägen, fräsen und schleifen, nur um am Ende festzustellen, dass die magnetische Seite des Werkstücks nach innen, nach unten oder besonders wirkungsvoll direkt unter einer unzugänglichen Holzfläche liegt.
Der Arbor Magnetica besitzt offenbar Humor.
Leider zeigt er ihn bevorzugt dann, wenn die Arbeit beinahe abgeschlossen ist.
Jedes abgesägte Stück besitzt dadurch zwei völlig unterschiedliche Seiten.
Die eine ist das schweigende Holz.
Sie bleibt ruhig, bodenständig und verhält sich beinahe so, wie man es von einem anständigen Stück Hartholz erwarten würde.
Die andere ist die tragende Seite.
In ihr bleibt ein Rest jener Kraft erhalten, die einst aus der Magnetader durch den Baum floss.
Nur diese Seite darf später die sichtbare Mitte des Flaschenöffners bilden.
Denn dort soll sich das Geheimnis offenbaren.
Nicht durch einen sichtbaren Mechanismus.
Nicht durch eine technische Erklärung.
Sondern durch einen Kronkorken, der nach dem Öffnen nicht zu Boden fällt, sondern scheinbar wie von selbst am Holz haften bleibt.
Für einen kurzen Moment widerspricht das Werkstück dann allem, was man von Holz zu wissen glaubt.
Und genau dieser Moment gehört zum Geschenk des Arbor Magnetica.
Mit der Zeit lernte ich, jedes Stück Holz aufmerksam zu betrachten, bevor ich es weiterbearbeitete.
Nicht nur seine Maserung entscheidet über die spätere Form. Auch die verborgene Richtung seiner Kraft muss berücksichtigt werden.
Manche Stücke lassen sofort erkennen, wie sie verwendet werden möchten. Ihre Linien folgen einer natürlichen Bewegung, ihre Farben fügen sich zusammen, und die magnetische Seite liegt genau dort, wo man sie vermutet.
Andere leisten Widerstand.
Sie verdrehen ihre Maserung, verbergen ihren Kern oder offenbaren erst nach mehreren Arbeitsschritten, dass sie für einen völlig anderen Entwurf vorgesehen waren.
In solchen Fällen hat es wenig Sinn, das Holz zu zwingen.
Wer mit dem Arbor Magnetica arbeitet, muss lernen zuzuhören – obwohl das Material selbst ausgesprochen wenig sagt.
Man hält es in der Hand.
Man betrachtet den Verlauf seiner Fasern.
Man prüft die Schnittflächen.
Und irgendwann entsteht wieder eines dieser Bilder im Kopf.
Dann weiß man, welche Form im Holz verborgen liegt.
Oder man glaubt es zumindest.
So wurde aus dem ersten Bild nach und nach ein Flaschenöffner.
Doch eigentlich ist er mehr als ein Werkzeug.
Er trägt die Maserung verschiedener Harthölzer in sich. Er erinnert an die tiefe Pfahlwurzel, die einst nach der Magnetader suchte, und an die weit verzweigten Flachwurzeln, die deren Kraft aufnahmen.
Vor allem aber bewahrt er einen Teil des geheimnisvollen Kerns.
Beim Öffnen erfüllt er zunächst eine ganz gewöhnliche Aufgabe. Der Kronkorken wird gelöst, die Flasche geöffnet und die Menschheit vor einer unnötig langen Wartezeit bewahrt.
Danach geschieht das Ungewöhnliche.
Der gelöste Kronkorken bleibt am Mittelpunkt des Holzes haften.
Nicht am Rand.
Nicht irgendwo auf der Oberfläche.
Sondern genau dort, wo der verborgene Kern verläuft.
Man kann den Flaschenöffner drehen, betrachten und nach einer vernünftigen Erklärung suchen.
Der Kronkorken bleibt.
Offenbar hat er seinen Platz gefunden.
Da jeder Ast des Arbor Magnetica anders gewachsen ist, besitzt auch jeder daraus gefertigte Flaschenöffner eine eigene Maserung und einen eigenen Verlauf der Kraft.
Manche erinnern deutlich an Eiche. Andere zeigen helle Spuren von Ahorn, kräftige Linien wie Esche oder dunkle Bereiche, die an Nussbaum erinnern.
Gelegentlich scheint ein einziges Werkstück mehrere Holzarten zugleich zu tragen.
Auch die Lage des magnetischen Kerns unterscheidet sich. Kein Schnitt verläuft exakt wie der vorherige, und keine aktive Fläche zeigt ihre Kraft auf dieselbe Weise.
Darum ist jeder Flaschenöffner ein Einzelstück.
Nicht nur, weil er von Hand gefertigt wurde.
Sondern weil der Arbor Magnetica offenbar großen Wert darauf legt, sich niemals zu wiederholen.
Bis heute weiß ich nicht, warum nach dem Sägen nur eine Seite des Holzes ihre Kraft behält.
Vielleicht folgt die magnetische Energie weiterhin der ursprünglichen Wuchsrichtung.
Vielleicht entscheidet der Kern selbst, in welchem Teilstück er verbleiben möchte.
Oder vielleicht besitzt der Arbor Magnetica eine ausgesprochen strenge Vorstellung davon, wie viele magische Seiten ein Flaschenöffner wirklich braucht.
Die Wissenschaft hat darauf bislang keine Antwort gefunden.
Der Kronkorken hingegen scheint vollkommen zufrieden zu sein.
Und am Ende ist vielleicht genau das der beste Beweis.
Bei der Verarbeitung kleinerer Stücke zeigte sich noch eine weitere Besonderheit.
Wird das Holz immer weiter verkleinert, scheint irgendwann eine Grenze erreicht zu sein. Unterhalb einer bislang unbekannten Kerndicke verschwindet die magnetische Wirkung vollständig.
Wo diese Grenze liegt, konnte bisher nicht zuverlässig festgestellt werden.
Der Arbor Magnetica verweigert auch hierzu jede Auskunft.
Für einen Flaschenöffner sind solche Stücke damit ungeeignet. Für andere Aufgaben allerdings keineswegs.
So entstanden aus einigen der kleineren Stücke die ersten Holzstöpsel. Magnetisch sind sie nicht mehr. Ihren Charakter haben sie jedoch offenbar behalten.
Einer kümmert sich um den Kronkorken. Der andere um alles, was danach nicht in die Flasche gehört.
DIE LEGENDE ENDET HIER.
Das Handwerk nicht.